Nassauische Neue Presse
Ausgabe vom 6. Mai 2008
Ungewohnte Klänge in einem „spannenden“ Konzert
Das Sinfonische Blasorchester Hessen bot zum Saisonende für ein Meisterkonzert ungewohnte, gleichwohl aber interessante und spannende Klänge. Mit Werken aus dem Bereich der modernen sinfonischen Blasmusik entfalteten die Mitwirkenden unter der Leitung von Ralf Lange Facetten, die manchem Konzertbesucher neu gewesen sein dürften.
Dazu passte der Titel des ersten Stückes „In einem andere Licht“ von Stephen Melillo. Das 2007 uraufgeführte Werk mit Ouvertürencharakter zeigte die Welt der Holz- und Blechbläser tatsächlich in neuem Licht, spielte mit der Klangvielfalt dieses großen Orchesterapparates mal in lebhaft bewegten Passagen in knackigem Sound aber auch mit großen melodischen Bögen und weichen runden Klängen.
Der eigentliche Höhepunkt des Konzert kam direkt als nächstes: Konzert für Cello und Blasorchester von Friedrich Gulda. Etwas so Pfiffiges, Unterhaltendes und dabei, nicht nur aber vor allem fürs Cello, Hochanspruchsvolles hört man nicht alle Tage. Das Cello-Konzert mit Bläserbegleitung des Cross-Over-Musikers Friedrich Gulda ist eine geniale Parodie auf den mitteleuropäischen Musikbetrieb mit seiner Trennung in E- und U-Musik und seinem Starsolisten-Kult.
Das Werk vereint in fünf höchst amüsanten Sätzen völlig unbekümmert Jazziges, Alphorngetute oder bayrische Stubenmusi mit Klassischem oder auch einem zackigen Marsch, um schließlich in einer Art italienischer Stretta zu enden. Auf dem Weg dahin spielt der Cellist mal schöne Kantilenen, mal eine ironisierend ausgewalzte und hochvirtuose Kadenz. Dann saust er in halsbrecherischem Tempo und aberwitzigen Doppelgriffen das Griffbrett rauf und runter, spielt rasante Arpeggien oder schmachtet in einem spanisch anmutenden Menuett. Der Cellist, das war in diesem Fall der junge Ungar Lazslo Fenyö, der mit einem Feuerwerk an Klängen, Spitzentechnik und viel Ausdruck eine witzige und mitreißende Interpretation ablieferte, und dabei so unangestrengt wirkte, als würde er „Hänschen klein“ spielen. Das Orchester, diesmal bis auf rund 20 Musiker einschließlich zweier Kontrabässe und Gitarre reduziert, begleitete wunderbar schwungvoll. Mal gab es flotten Swing, wie bei der Jazz-Intro der Ouvertüre, mal spielten die Holzbläser einen herzigen Ländler, dann wieder gab Marschmusik mit vollem Blechbläsersound. Eine ziemlich verrückte Komposition, die Musikern wie Zuhörern gleichermaßen Spaß machte.
Der zweite Teil bot große Blasorchester-Sinfonik, die technisch durchaus vom Feinsten war. Allerdings zeigte sich hierbei, dass die Kohlmaier-Halle solchen Klangmassen, wenn sie denn ungebremst erschallen, nicht angemessen ist. Über lange Passagen empfand der Hörer die Musik einfach als zu laut. Dies galt besonders bei der sinfonischen Dichtung „The Big Apple“ von Johan de Meij. Der Niederländer ist Komponist vieler großartiger Blasorchesterwerke von großer Ausdruckskraft. „The Big Apple“ ist ein Tongemälde der Stadt New York, voll pulsierendem Leben, plötzlich aufblitzenden Melodien, effektvollen Kombinationen beispielsweise von flirrenden Holzbläsern über einer schönen Blechbläsermelodie, wunderschönen Oboen- und Englischhorn-Passagen über einem diffusen Wabern des Orchesters oder spannungsvollen Klängen der tiefen Bläser und Pauken. Man sieht und hört das umtriebige Leben der Großstadt förmlich vor sich. Allerdings schien sich das umfangreiche Werk - es dauerte eine gute halbe Stunde - weitgehend im Forte-Bereich abzuspielen, und das ermüdete nach einiger Zeit das Gehör.
Auch der ansonsten schwungvoll musizierten Jazzsuite Nr.2 von Dimitri Schostakowitsch, arrangiert von Johan de Meij, fehlte hier und da ein wenig dynamische Differenzierung. Das führte beispielsweise dazu, dass man das Akkordeon, dessen Klangfarbe durchaus gut zu dem Werk gepasst hätte, fast nie hörte.
Abgesehen von diesen kleinen Unebenheiten ein spannendes Konzert, das sicher manchem einen völligen neuen Einblick in moderne Blasmusik gegeben hat.
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